Mixed Media bedeutet für mich nicht einfach, unterschiedliche Materialien miteinander zu kombinieren. Material kann selbst zum Bedeutungsträger werden. Es hat eine Oberfläche, ein Gewicht, eine Herkunft – und manchmal bereits eine Geschichte, bevor es überhaupt Teil eines Kunstwerks wird.
Ein besonders stark aufgeladenes Material ist Stacheldraht.
Kaum jemand betrachtet Stacheldraht neutral. Er ist spitz, kalt, abweisend und potenziell verletzend. Er wurde geschaffen, um Grenzen zu markieren und deren Überschreitung zu erschweren. Er sagt nicht nur: Bis hierher. Er fügt hinzu: Wenn du diese Grenze überschreitest, kann es wehtun.
Genau diese Ambivalenz interessiert mich.
Ich habe Stacheldraht in einigen meiner Arbeiten bewusst eingesetzt. Der Draht in diesen Bildern ist gefunden, nicht gekauft. Dabei steht er nicht für eine einzige festgelegte Bedeutung. Entscheidend ist vielmehr die Perspektive, aus der wir ihn betrachten.
Wer befindet sich eigentlich hinter dem Draht?
Betrachten wir von außen eine Person, die sich mit Stacheldraht umgibt, kann der Draht zunächst wie eine Ausgrenzung wirken:
Du bleibst draußen.
Er schafft Distanz. Er verhindert Annäherung. Vielleicht empfinden wir diese Grenze sogar als Zurückweisung.
Aber ist das wirklich Ausgrenzung?
Die gleiche Situation lässt sich vollkommen anders lesen. Vielleicht richtet sich der Stacheldraht gar nicht gegen die Person draußen. Vielleicht erzählt er vielmehr etwas über das Schutzbedürfnis der Person innerhalb dieser Grenze:
Ich brauche Abstand. Ich möchte mich schützen. Komm mir nicht näher.
Plötzlich verändert sich die Bedeutung. Aus Ausgrenzung wird Abgrenzung.
Und damit wird es kompliziert.
Schutz oder Angriff?
Stacheldraht ist ein merkwürdiges Schutzinstrument, denn er schützt durch die Androhung von Verletzung.
Eine Mauer hält auf. Eine geschlossene Tür verweigert den Zutritt. Stacheldraht geht einen Schritt weiter: Seine sichtbaren Spitzen tragen die mögliche Verletzung bereits in sich.
Gerade deshalb kann er als Symbol persönlicher Grenzen so stark sein.
In der Ich-Perspektive kann er für den Versuch stehen, äußere Reize fernzuhalten: zu viele Geräusche, zu viele Stimmen, zu viele Bilder, zu viel Aktivität. Er kann aber ebenso eine emotionale Grenze markieren – gegenüber unerwünschter Nähe, Vereinnahmung oder Distanzlosigkeit.
Dann lautet seine Botschaft:
Hier endet mein Raum.
Aber darin steckt noch eine zweite Botschaft:
Wenn du diese Grenze trotzdem überschreitest, riskierst du eine Verletzung.
Und genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Diskussion.
Denn wer verletzt hier eigentlich wen?
Verletzt der Mensch, der eine Grenze überschreitet, denjenigen, der sich schützen möchte? Oder verletzt der Stacheldraht denjenigen, der versucht, sich zu nähern?
Vielleicht sogar beides.
Abgrenzung und Ausgrenzung liegen erstaunlich nah beieinander
Aus meiner eigenen Perspektive kann eine Grenze notwendig und schützend sein.
Aus der Perspektive meines Gegenübers kann dieselbe Grenze hart, abweisend oder sogar verletzend wirken.
Damit verändert sich die Bedeutung des Stacheldrahtes abhängig davon, auf welcher Seite wir stehen.
Von außen betrachtet: Du grenzt mich aus.
Von innen betrachtet: Ich grenze mich ab.
Das klingt zunächst wie ein kleiner sprachlicher Unterschied. Tatsächlich beschreibt es zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen derselben Grenze.
Und vielleicht liegt gerade darin die Stärke dieses Materials in der Kunst: Stacheldraht lässt sich nicht vollständig auf „Schutz“ oder „Abwehr“, „Opfer“ oder „Angreifende“, „Nähe“ oder „Distanz“ reduzieren.
Er zwingt uns, über die Position der Betrachtenden nachzudenken.
Darf ein Material überhaupt so eindeutig sprechen?
Hier stellt sich für mich noch eine andere Frage. Wenn ich Stacheldraht in ein Kunstwerk integriere, gebe ich damit bereits sehr viel vor. Das Material bringt seine eigene Symbolik mit. Historisch steht es auch für Besitzgrenzen, militärische Sperren, Gefangenschaft, Lager, Kontrolle und Ausschluss.
Kann ich als Künstlerin dieses Material überhaupt verwenden und gleichzeitig darauf vertrauen, dass Betrachtende ihre eigene Bedeutung darin finden? Oder ist Stacheldraht bereits so stark kulturell aufgeladen, dass er die Interpretation dominiert? Vielleicht liegt gerade darin der Unterschied zwischen Farbe und einem realen Gegenstand.
Ein Blau kann Weite, Ruhe, Kälte, Tiefe oder Sehnsucht auslösen. Stacheldraht kommt nicht unbelastet auf die Leinwand. Er bringt Erfahrungen und kollektive Bilder mit. Und trotzdem ist seine Bedeutung nicht abgeschlossen.
Denn auch wenn das Material eine Richtung vorgibt, entscheidet die betrachtende Person, was sie darin erkennt: Gefangenschaft oder Schutz. Aggression oder Verletzlichkeit. Zurückweisung oder Selbstbehauptung.
Vielleicht sogar alles gleichzeitig.
Für mich ist deshalb nicht die Frage entscheidend: „Was bedeutet der Stacheldraht?“
Spannender finde ich: Auf welcher Seite des Stacheldrahtes stehst du, wenn du ihn betrachtest?
Und verändert sich deine Antwort, wenn du die Seite wechselst?
Die Werke

2023. Acryl in Mixed Media auf Leinwand mit Strukturpasten, Alkoholtinten und Stacheldraht, 60 × 60 cm. Serie Emotions.

2024. Acryl in Mixed Media auf Leinwand mit Strukturpasten, Fasern und Stacheldraht, 80 × 80 cm. Serie Emotions.

2024. Acryl in Mixed Media auf Leinwand mit verschiedenen Strukturpasten und Stacheldraht,
60 × 40 cm. Serie Emotions.

2025. Mixed Media auf Holzplatte,
40 × 50 cm.

2025. Acryl in Mixed Media auf Leinwand mit verschiedenen Strukturpasten und Stacheldraht, 60 × 40 cm. Serie NatureArt.
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