ANGELA MAY
Diskusionsbeitrag

Diskussionsbeitrag:
Wo bleibt beim Mentoring die Kunst?
Gedanken über Defizite, Empowerment, Sichtbarkeit und künstlerische Entwicklung
Warum werde ich eigentlich permanent als verhinderte Künstlerin angesprochen?
Diese Frage stelle ich mir zunehmend, wenn ich Coaching- und Mentoringangebote für Künstler:innen lese.
Erstaunlich oft beginnen sie mit einem Defizit. Mit der Annahme, dass da etwas aufgearbeitet oder überwunden werden müsse: Vielleicht wurde mein Talent in der Kindheit nicht erkannt. Vielleicht hat mir niemand etwas zugetraut. Vielleicht glaube ich selbst nicht, gut genug zu sein. Vielleicht habe ich Angst vor dem Scheitern. Vielleicht traue ich mich noch immer nicht, mich wirklich als Künstlerin zu verstehen.
Das alles kann wahr sein. Für manche Menschen sind solche Erfahrungen prägend und ihre Auseinandersetzung damit kann wichtig sein.
Aber warum wird so häufig vorausgesetzt, dass dies die Geschichte von Künstler:innen sein muss?
Meine ist es jedenfalls nicht.
Auch in meinem Leben gab es eine lange Zeit, in der die Malerei nicht an erster Stelle stand. Aber ich wurde nicht daran gehindert zu malen. Ich habe Entscheidungen getroffen. Ich war berufstätig, hatte eine Familie, habe mich um meine Kinder gekümmert und anderen Dingen zeitweise Vorrang gegeben. Ich empfinde mich nicht als Opfer dieser Umstände. Ich habe sie gewählt.
Als sich meine Lebenssituation veränderte, bekam die Malerei wieder mehr Raum.
Ich muss also meine Vergangenheit nicht nachträglich zu einer Verhinderungsgeschichte umdeuten, um meine heutige künstlerische Arbeit zu erklären.
Warum nicht fragen, was bereits da ist?
Mich interessiert deshalb ein anderer Ansatz von Mentoring. Warum beginnen wir nicht bei dem, was eine Künstlerin oder ein Künstler mitbringt?
Wo liegen die Stärken? Was ist unverwechselbar? Was möchte jemand mit seiner Kunst erzählen? Welche Themen beschäftigen ihn oder sie? Welche Materialien, Techniken und Stilmittel entsprechen der eigenen künstlerischen Sprache? Wo gibt es Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft wird? Wo lohnt es sich, genauer hinzusehen, weiterzugehen, etwas zu verwerfen oder neu auszuprobieren?
Für mich wäre das Prinzip des Empowerment der richtige Ansatz im künstlerischen Mentoring: nicht Menschen zunächst ein Defizit zuzuschreiben und ihnen anschließend bei dessen Überwindung zu helfen, sondern sie darin zu stärken, die eigenen Fähigkeiten, Entscheidungen und Möglichkeiten bewusst wahrzunehmen und daraus selbstbestimmt ihren künstlerischen Weg weiterzuentwickeln.
Dazu gehört auch kritische Reflexion. Empowerment bedeutet für mich nicht, jemandem ständig zu bestätigen, dass alles großartig ist. Im Gegenteil. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit muss auch Fragen zulassen: Wo funktioniert etwas nicht? Wo wiederhole ich mich? Wo bleibe ich hinter meinen Möglichkeiten zurück? Was möchte ich verändern?
Aber Ausgangspunkt ist die künstlerische Arbeit – nicht ein vorausgesetztes persönliches Defizit.
Und dann ist da noch der Erfolg…
Ein zweiter Schwerpunkt vieler Angebote irritiert mich ebenfalls.
Kaum ist die vermeintliche innere Blockade überwunden, geht es um Sichtbarkeit, Reichweite, Social Media, Positionierung und Verkauf.
Die Botschaft dahinter scheint manchmal erstaunlich einfach: Wenn du viel verkaufst, bist du erfolgreich. Wenn du hohe Umsätze erzielst, hast du es geschafft. Aber ist kommerzieller Erfolg tatsächlich ein Maßstab für die Qualität von Kunst?
Natürlich möchte ich, dass meine Arbeiten gesehen werden. Natürlich möchte ich verkaufen. Und selbstverständlich muss Kunst sichtbar sein, wenn sie ein Publikum und Käufer:innen erreichen soll. Kenntnisse über Kommunikation, Vermarktung und Social Media können deshalb sinnvoll und notwendig sein. Aber hier geraten für mich manchmal die Verhältnisse durcheinander.
Social Media beansprucht Zeit. Fotografieren, filmen, schneiden, schreiben, posten, kommentieren, reagieren, Statistiken ansehen, Algorithmen verstehen, Strategien entwickeln – und schon beschäftigt man sich stundenlang damit, wie man Kunst vermittelt, statt Kunst zu machen.
Dabei benötigt gerade die künstlerische Entwicklung Zeit.
Zeit zum Arbeiten und Experimentieren. Zeit zum Scheitern. Zeit zum Nachdenken und Nachspüren. Zeit, um Abstand zu gewinnen, die eigene Arbeit kritisch zu betrachten, neue Fragen zu stellen und sich neu zu verorten. Diese Prozesse und Phasen lassen sich nicht beschleunigen!
Was sollte Mentoring also leisten?
Ich wünsche mir ein Verständnis von künstlerischem Mentoring, bei dem die Kunst und die Entwicklung der Künstler:innen im Zentrum stehen.
Ein Mentoring, das Wahrnehmung schärft, Reflexion ermöglicht, Kompetenzen sichtbar macht und Potenziale entwickelt. Das Fragen stellt, statt Antworten überzustülpen. Das auch Widerspruch aushält. Das Künstler:innen darin unterstützt, ihre eigene Position zu finden und bewusster zu vertreten.
Empowerment statt Defizitdiagnose.
Entwicklung statt Selbstoptimierung.
Reflexion statt Erfolgsrezept.
Marketing, Sichtbarkeit und Verkauf dürfen Teil davon sein. Für viele Künstler:innen sind sie wichtig. Aber sie sollten der Kunst dienen – nicht umgekehrt.
Denn am Ende bleibt für mich ein Satz:
Sichtbarkeit ist ein Mittel. Sie ist nicht die Kunst.
Und deshalb würde mich interessieren: Was erwartet ihr von einem guten künstlerischen Mentoring? Diskutiert es gerne mit mir auch Instagram bei @angela.may.art
Angela May ist bildende Künstlerin und arbeitet mit Farbe, Material und Struktur als Ausdrucksträger. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Gefühlen, Wahrnehmung und individueller Resonanz.
Angela May
Künstlerin
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