Mensch versus Maschine

Ein künstlerisches Experiment über KI, Authentizität und Reichweite

Künstliche Intelligenz ist längst Teil unseres Alltags – auch in der kreativen Arbeit. Texte, Bilder, Captions, ganze Kampagnen: Alles lässt sich heute automatisiert erzeugen.

Was dabei oft stillschweigend vorausgesetzt wird, ist diese Annahme: Wenn etwas gut gemacht ist, merkt man den Unterschied nicht mehr.

Ich wollte wissen, ob das wirklich stimmt. Nicht theoretisch, sondern praktisch. Also habe ich ein Experiment durchgeführt.

Das Experiment: Zwei Posts, ein Werk

Über mehrere Tage hinweg habe ich auf Instagram zwei nahezu identische Posts veröffentlicht. Beide basierten auf demselben künstlerischen Werk. Der Unterschied lag ausschließlich in der Entstehung des Textes und der kuratorischen Entscheidung.

Post A – Maschine

  • Text vollständig KI-generiert – in englischer Sprache
  • keine menschliche Nachbearbeitung
  • neutrale, saubere Sprache
  • Veröffentlichung automatisiert

Post B – Mensch

  • identisches Bildmaterial
  • Text, Tonalität und Aufbau vollständig von mir entwickelt – in deutscher Sprache
  • intuitiv, subjektiv

Beide Posts wurden zeitlich eng hintereinander veröffentlicht, um äußere Faktoren wie Uhrzeit, Tagesform des Algorithmus oder Reichweitenschwankungen möglichst gering zu halten.

Das Ergebnis: Klarer als erwartet

Schon nach kurzer Zeit zeigte sich ein deutlicher Unterschied.

Der persönlich erstellte Post erzielte:

  • mindestens doppelt so viele Likes
  • mindestens doppelt so viele Aufrufe, zeitweilig sogar die 10fache Menge
  • deutlich mehr Interaktion insgesamt

Das allein wäre bereits aussagekräftig gewesen. Doch ein Detail machte das Ergebnis wirklich interessant.

Wer reagiert – und warum das entscheidend ist

Beim KI-generierten Post kamen die Reaktionen ausschließlich von bestehenden Followern. Der Beitrag bewegte sich fast vollständig innerhalb der eigenen „Blase“.

Beim persönlich erstellten Post war das Bild ein völlig anderes: Mindestens zwei Drittel der Interaktionen stammten von neuen Nutzer:innen, die mir zuvor nicht gefolgt waren.

Das bedeutet:

  • höhere organische Reichweite
  • stärkere algorithmische Weiterverbreitung
  • echte Sichtbarkeit über den bestehenden Kreis hinaus

Der menschliche Post hat nicht nur besser performt – er hat neue Menschen erreicht.

Warum menschliche Inhalte weitertragen

Instagram ist kein rein technisches System. Es ist auch ein sozialer Raum. Menschen reagieren nicht nur auf Inhalte, sondern auf:

  • Haltung
  • Stimme
  • Ambivalenz
  • emotionale Lesbarkeit

Der persönlich geschriebene Post hatte:

  • eine erkennbare Autorenschaft
  • eine emotionale Richtung
  • kleine Brüche und Unschärfen
  • ein spürbares „Warum“

Der KI-Text war korrekt, strukturiert, fehlerfrei –aber auch:

  • glatt
  • vorhersehbar
  • austauschbar

Er funktionierte, aber er blieb nicht hängen.

KI in der kreativen Arbeit – eine nüchterne Einordnung

Dieses Experiment war kein Angriff auf künstliche Intelligenz. Im Gegenteil: KI ist in meinen Augen ein leistungsfähiges Werkzeug, das unsere Ideen sprachlich umsetzen oder ergänzen kann.

Was KI sehr gut kann

  • Geschwindigkeit
  • Struktur
  • Ideen-Variationen
  • Skalierung

Was KI (noch) nicht kann

  • persönliche Erfahrung ersetzen
  • innere Haltung entwickeln
  • Verantwortung für Bedeutung übernehmen
  • emotionale Reibung erzeugen

Gerade diese Reibung ist es jedoch, die Menschen dazu bringt, stehen zu bleiben, zu reagieren – oder weiterzuteilen.

http://www.Maypicturebook.com als künstlerischer Kontext

Diese Beobachtung deckt sich vollständig mit meiner Arbeit auf Maypicturebook – kein Ort für automatisierte Kreativität. Es ist ein Abbildungsraum für meine persönlichen, künstlerischen Prozesse und Gedanken (im Blog).

Meine künstlerischen Arbeiten folgen keiner Optimierungslogik – sie entstehen aus Intuition, Erfahrung und bewussten Entscheidungen. Idee, Bildsprache, Rhythmus und emotionale Richtung entstehen in einem menschlichen Prozess. Die KI kann Anstöße geben bei der Bildbeschreibung und -interpretaion, weil sie auf programmierte Modelle der Bildbeschreibung zurückgreift. Hier kann man erhebliche Zeit sparen. 

Die Botschaft des Bildes sollte der kunstschaffende Mensch immer selbst formulieren und der KI höchstens den sprachlichen Feinschliff und die Hashtags für Social Media Post überlassen!

Fazit: Nicht Mensch gegen Maschine – sondern Menschen UND Maschine

Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI besser oder schlechter ist. Die Frage ist, wo wir sie einsetzen – und wo nicht. Gerade in kreativen Bereichen ist es wichtig, dass die Maschine ausführt, was du erdenkst und beauftragst, welche Richtung du vorgibt. Das sollte man der Maschine niemals überlassen, denn dann rückt das Ergebnis einfach zu sehr von dir als kreatives Individuum ab. Bedenke: KI ist ein Werkzeug, das du steuerst – nicht umgekehrt. Du triffst die Entscheidung, du hast die Definitionsmacht!

Dieses Experiment hat gezeigt:

  • KI kann Inhalte produzieren
  • Menschen schaffen Verbindung zu anderen Menschen

Oder anders gesagt: Algorithmen verbreiten Inhalte (die du vorgibst!) Menschen tragen sie weiter. Und genau deshalb folgen Menschen am Ende nicht Maschinen. Sie folgen Menschen.

Diskussion

Wie siehst du das? Was sind deine Erfahrungen, deine Entscheidungen zur Nutzung der KI? Nutzt du KI eher als Werkzeug – oder hast du manchmal das Gefühl, sie übernimmt schon die Stimme?

Glaubst du, man erkennt heute noch, ob etwas von einem Menschen oder von einer KI stammt? Und: Ist dir das überhaupt wichtig?


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